Arik Brauer (1929-2021) „Jeder normale Mensch war (damals) ein Anti-Semit…“

01.02.2021 - Leo K. - Pressenza Wien

Arik Brauer (1929-2021) „Jeder normale Mensch war (damals) ein Anti-Semit…“
(Bild von youtube.com)

Arik Brauer gilt für manche vor allem als heimlicher Wegbereiter des Austro-Pop, für andere ist er zusammen mit Ernst Fuchs und Maître Leherb ein Mitbegründer der Wiener Schule des Phantastischen Realismus, doch über allem steht der Mensch Arik Brauer, dessen Kindheit und Jugend in Wien geprägt war durch die Februarkämpfe 1934 und ab 1938 die Herrschaft der Nationalsozialisten. Brauer wurde bis zuletzt nicht müde, vor dem Wieder-Erstarken von Faschismus und Anti-Semitismus „als Massenbewegung“ zu warnen – dazu später mehr.

Um mit der Musik zu beginnen, war das berühmte selbstbetitelte Arik-Brauer-Debüt-Album aus dem Jahr 1971 eigentlich schon Gipfelpunkt einer Entwicklung, hatte er doch zuvor mehrere Jahre mit seiner Frau in Paris verbracht, wo das Paar als israelisches Gesangsduo Neomi et Arik Bar-Or seinen Lebensunterhalt verdiente. Im Dialekt zu schreiben begann Arik Brauer, wie er erklärte, weil dies „die Sprache der Arbeiterklasse“ sei, und er mit seinen Liedern „einen unmittelbaren Effekt erzielen“ könne. Die erwähnte, von Toni Stricker produzierte, Langspielplatte ist auch nach heutigen Maßstäben ein Meilenstein, da sie eine gesellschaftskritische Ausformung der deutschsprachigen Popmusik darstellt, die vielfach im Laufe der darauffolgenden Jahre verlorengegangen ist. Auf „Arik Brauer“ (1971) findet sich demnach auch nur teilweise Austro-Pop-typisches „Geblödel“, ansatzweise vielleicht in dem Lied „Dschiribim – Dschiribam“ (das ein paar „jiddische Witze“ zitiert), vielmehr aber entlarvt Arik Brauer die Österreichische Seele in ihrer oft beharrlichen Realitätsverweigerung („Die Jause“ und vor allem „Sein Köpferl in Sand“ – auch und gerade heute wieder sehr empfohlen: „…damit’st es ned vergisst!“), geht mit dem Bauboom der Wirtschaftswunderzeit ins Gericht („Sie Hab’n A Haus ‚Baut“) und arbeitet naturgemäß auch seine dunkelsten Kindheitserfahrungen auf, als ein Lehrer plötzlich  „in der vierten Klasse … die Nazi-Krawatte“ trug – so zu hören in dem Lied „Der Surmi Sui“, dessen bei oberflächlicher Betrachtung humoristische Gangart wohl nur dadurch zu erklären ist, dass eben das Grauen ohne Humor nicht ertragbar ist. Arik Brauer sah sich selbst jedoch nie als Pop-Sänger und meldete sich fortan auch seltener zu Wort, so zum Beispiel 1984 mit Liedern zur damaligen Besetzung der Hainburger Au.

Kennzeichnend für die Malerei Arik Brauers sind die farbenfrohen Flächen und die detaillierte Kleinarbeit, die an die Kunst alter Meister angelehnt war und den „Phantastischen Realisten“ zu Unrecht den Ruf der Rückwärtsgewandtheit eingebracht hat, wiewohl die Einbindung aktueller politischer Ereignisse stets zu Brauers Repertoire gehört hat.

Arik Brauers politisches Engagement und seine Sichtweisen erklären sich aus seinem Werdegang: der Vater kam in einem Konzentrationslager ums Leben, er selbst überlebte untergetaucht in einem Versteck. Das Klima jener Jahre in Wien, dieses den Übergriffen im Zuge des Novemberprogroms hilflos ausgeliefert sein, beschrieb Arik Brauer in einem Interview 2018 so: „In den Dreißiger Jahren (war) jeder normale Mensch ein Anti-Semit“. Dass Brauer zuletzt in der „massenhaften Einwanderung aus dem arabischen Raum“ eine größere Gefahr sah als in Burschenschaften, die an alte Nazi-Traditionen anknüpfen („Liederbuchaffäre“), entspricht einer leider von vielen Menschen getroffene Fehleinschätzung, die den Israel-Palästina-Konflikt mit Anti-Semitismus gleichsetzt. Dennoch wirkt unterm Strich Arik Brauers Verdienst um Geschichtsaufarbeitung – und zwar lange Jahre vor der „Waldheim-Affäre“ – und für Frieden und Verständigung weit über seinen Tod nach. Auch in der Musik, beispielsweise seiner Tochter Timna, die mit der palästinensisch-israelischen Chor-Gruppe „Voices for Peace“ eine Europa-Tour organisiert und damit ein Zeichen dafür gesetzt hat, dass auch in dieser Region Frieden möglich ist, wenn man nur daran glaubt.

Kategorien: Kultur und Medien, Kunst, Meinungen
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